giphy

Der größte Fehler: Du spielst Schach und nicht Tetris

 

Mindtelling Dennis Tröger Tetris

Das Leben ist wie Tetris – Hör‘ auf es wie Schach zu spielen

Seit meinem siebten Lebensjahr habe ich Schach regelmäßig und unter Wettbewerbsbedingungen gespielt. Ob in der Schule, Online oder auf nationalen Wettkämpfen. Dabei hat mir Schach Ruhe, Zurückhaltung und kritisches Denken nähergebracht – wichtige Fähigkeiten um die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Wir glauben die Welt sei berechenbar

Schach hat mich dazu gebracht schon früh „kausal“ zu denken. Verschiebe Deinen Ritter hier und setze damit den Springer fest. Schnapp Dir seinen Bauern und schwäche damit seine rechte Seite. Jeder richtige Zug führte mich näher zu einem Schachmatt; jeder falsche näher zu einer Niederlage.

Anmerkungen von mir: Ich selbst identifiziere mich stark damit, denn schon mit 10 Jahren habe ich das Programmieren angefangen. Auch dort folgt die Welt bestimmten Kausalitäten und war immer vorherberechenbar.

Schach festigte in mir das Denkmuster „die Anderen“. Schwarz gegen Weiß. Unsere Schule gegen Ihre. Natürlich war es auch ein Nullsummen-Spiel: Entweder Du hast einen Punkt gemacht oder einen verloren – es gab nichts dazwischen.

Ich habe Schach bis zu meinem 15 Lebensjahr sehr intensiv gespielt – bis ich mein erstes Mobiltelefon bekommen habe. Ein Mobiltelefon war für mich ein signifikanter Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Ich erinnere mich noch genau: Es war ein kleines Telefon mit Farbdisplay. Natürlich nahm ich es überall mit hin – als Zeichen meiner neugewonnenen Unabhängigkeit. Dieses Telefon konnte kein Snapchat, Whatsapp oder Internet – aber es konnte mir meine Langeweile mit einem einzigen Spiel nehmen: Tetris.

giphy (1)

Mögen Tetris-Spieler unzufrieden zu sein?

Tetris ist, bis zu einem bestimmten Punkt, vorprogrammierte Unzufriedenheit. Es wiederholt sich ständig! Du kannst es nicht einmal gewinnen! Es ist abhängig von Glück! – Für mich, Tetris wurde die Repräsentation des Lebens. Im Gegensatz dazu schien Schach wie ein kindisches Spiel.

Anmerkung von mir: Mir selbst ging es so, als ich mich noch während des Abiturs mit dem radikalen Konstruktivismus beschäftige. Es zeigte mir, wie „unberechenbar“ die Welt – wie „konstruiert“ sie doch ist. Es wurde Zeit die Welt der Regeln und Gesetze zu hinterfragen.

Ich spiele Schach nicht mehr unter Wettbewerbsbedingungen. Aber bis zu diesem Tag ist Tetris das einzige Spiel, das ich noch auf meinem Smartphone habe. Eine konstante Erinnerung, dass das Leben wie Tetris ist – und nicht wie Schach.

Warum ich das so sehe, will ich Dir an vier einfachen Punkten zeigen.

200

Im Leben bist Du Dein einziger Gegner – Entspann Dich

Ich wuchs auf mit dem Gedanken, nach einem „Gegner“ zu suchen – Menschen, denen ich die Schuld geben kann, mit denen ich kämpfen kann und denen ich zeigen kann, dass sie falsch liegen. Dabei sah ich Feinde wo keine waren, weil es einfacher war. Ich fing an, überall Nullsummen-Spiele zu sehen.

In „Schach“-Denken hält Dich zurück.

In Tetris spielst Du gegen die Zeit und einen niemals endenden Fluss an Fragmenten die sich von oben nach unten über den Bildschirm bewegen. Dein Geist ist dabei auf Dich selbst gerichtet – Du forderst Dich selbst heraus, um den steten Fluss an Fragmenten in eine Dir vorteilhafte Ausgangsposition zu manövrieren. Es gibt keinen Endgegner. Niemandem, dem Du die Schuld geben kannst.

Anmerkung von mir: Hier siehst Du Mindtelling in Reinform. Sobald man diese neue Sichtweise annimmt primed man sich sofort auf ein neues Verhalten.

Das echte „Spiel des Lebens“ ist auch ein Spiel, dass Du in Deinem Kopf spielst. Es gibt keine großen und gefährlichen Gegner die nur dafür existieren, um Dich leiden zu lassen. Es gibt kein absolutes Falsch oder Richtig und Dein Verhalten wird auch von niemandem „bestraft“. Deine Punktzahl kann sich bis in die Unendlichkeit steigern, wenn Du Dich dazu zwingst. Deine „Punktzahl“ kann schnell oder langsam steigen, abhängig davon wie sehr Du Dich herausforderst… Das bringt mich zu…

200 (1)

Im Leben werden die Dinge nicht „schwerer“ – sie werden nur schneller

Manche Spieler werden schwerer, je länger Du sie spielst – Schach gehört dazu. Die Positionen bekommen komplizierter, der Gegner wird herausfordernder und der Einsatz erhöht sich. Du hast ein öffentliches Ranking und damit mehr zu verlieren, wenn Du gegen Gegner auf Augenhöhe spielst.

Nicht so in Tetris. Das Spiel bleibt das Gleiche – von Stein zu Stein – bis Du den oberen Rand des Bildschirms erreichst. Das einzige was sich verändert ist die Geschwindigkeit.

Wenn Du Tetris auf der langsamsten Stufe spielst, kannst Du es vermutlich bis zum Rest Deines Lebens spielen. Der einzige Feind wäre gähnende Langeweile. Aber das Spielprinzip ist so einfach – Du hättest ewig viel Zeit die Steine zu verrücken.

Es macht uns Spaß uns selbst herauszufordern

Dabei belassen wir es aber nicht: Mehr als oft fordern wir uns selbst heraus. Wir geben uns nicht mit einer Reihe zufrieden – Wir wollen einen Tetris: Vier Reihen auf einmal. Immerhin ist das ja auch der Name des Spiels. Wieso es spielen, wenn Du nicht dafür kämpfst?

Anmerkung von mir: Erinnert mich an etwas, dass ich, glaube ich, von Arnold Schwarzenegger mal hörte: „Make as much money as you can, be as happy as you can be as much, enjoy life as much as you can.“

Lange Zeit habe ich mein Leben wie Tetris gespielt: Eine Reihe sich ständig vergrößernder Herausforderungen. Ich habe mir Probleme gesucht, wo gar keine waren und habe mich in eine Opfer-Rolle begeben. Aber das Leben wird nicht schwieriger, je länger wir leben. Wir werden älter und haben damit mehr Geld und mehr Erfahrung. Unsere Unabhängigkeit steigt. Wir müssen nicht jede Herausforderung annehmen – außer wir wollen es. Aber wir wünschen uns das Gefühl der „Vollkommenheit“, also nehmen wir die Herausforderung an.

Das Leben wird schneller. Jeder Tag ist ein kleinerer Anteil an unserer gesamten Lebensspanne – vermutlich ein Grund, wieso wir glauben, dass die Zeit schneller vergeht.

Anmerkung von mir: In meinen Workshops spreche ich immer davon, dass 1 Jahr für einen 10-Jährigen 10% seines Lebens sind – für einen 50-Jährigen ist es nur 2%.

Der einzige Weg das Leben zu meistern ist es – wie in Tetris – die Selbst-Kontrolle zu haben, auch bei höheren Geschwindigkeiten am Ball zu bleiben. Du darfst Dir nicht erlauben, dass Du Deine Ziele nicht erreichst – egal, wie schnell sich alles bewegt. Du musst Deinen Geist unter Kontrolle haben… Das führt uns zu….

200 (2)

Im echten Leben kannst Du das Spielfeld nicht bestimmen

Wie ich bereits gesagt habe: Es gibt einen „besten Spielzug“ in jeder Position. Du kannst Deinen Gegner in die Ecke drängen. Du kannst 20 Züge in die Zukunft sehen – wenn Du ein Supercomputer bist.

Schach kommt mit einer „Best Practice Manual“. 1. E4 ist ein starker Zug für weiß als Beginner. 2. H3 ist es nicht. Das kommt daher, dass Schach ein „geschlossenes System“ ist. Es gibt keinen Zufall, kein Glück. Die Ausgangsposition ist immer die Gleiche und die Figuren bewegen sich immer gleich.

In Tetris? Du weißt nur, was das nächste Fragment ist. Du spielst in der Gegenwart und gehst alle Möglichkeiten durch, die Du in diesem Moment hast. Du weißt genau: Es ist unmöglich auch nur zwei Teile im Voraus zu planen. Du glaubst keine Sekunde daran die Zukunft planen zu können.

Anmerkung von mir: Vermutlich etwas, dass viele unterschreiben, die als Geschäftsführer oder Gründer ihre ersten Schritte gemacht haben. Auf dem Papier wirkt alles so klar und logisch – die echte Welt interessiert das aber nicht.

Ich habe viel Zeit meines Lebens mit der Schach-Denkrinne verbracht und versucht, immer den bestmöglichen nächsten Zug zu machen. Dabei war ich geradezu versessen darauf „Kausalität“ um mich herum finden zu können.

Aber das echte Leben ist nicht kausal (zumindest nicht so, dass wir es vollständig begreifen könnten). Es gibt immer eine Vielzahl von Möglichkeiten und Abhängigkeiten. Es gibt keinen direkten und vorhersagbaren Effekt auf unsere Handlungen – nur einen erwarteten. Unser Leben ist ein offenes System. In einem solchen System können Dinge die wir nicht sehen können das Ergebnis beeinflussen. Auch ein Grund wieso es so viele Scheidungen gibt.

Versuche nicht vorauszusagen was passieren wird, wenn Du den nächsten Schritt machst. Wie in Tetris: versuche die bestmögliche Ausgangssituation für das nächste Puzzleteil zu schaffen. Vordere Dich heraus… tu alles um dieses „Tetris“ zu kriegen – aber erwarte keine Belohnung dafür, dass Du es versucht hast… Aber vergiss nicht…

Anmerkung von mir: Super wichtiger Punkt. Wir können Erfolg nicht erwarten, nur weil wir es versucht haben. Es ist die Geschichte in unserem Kopf, noch von unseren Eltern: Sei fleißig und Du wirst belohnt. Leider ist das Blödsinn. Der, der seine Fragmente richtig ordnet, der alles tut – der erhöht vielleicht seine Chancen. „Verdient“ hat er deswegen noch nichts.

200 (3)

Niemand sagt Dir, wann Du gewonnen hast

Im Schach versuchst Du den Gegner dazu zu bewegen, dass er seinen König umwirft. Du siehst, wenn Du gewonnen hast. Du kannst den Erfolg sehen und ihn dann spüren – außer, Du verlierst.

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, an dem ich mit Schach aufgehört habe. Es lag nicht daran, dass ich verloren hätte – Andersrum, an diesem Tag habe ich ein Turnier gewonnen und fühlte: Nichts.

In den alten Regeln des Schachs gibt es zwei Arten zu verlieren: Schachmatt gesetzt werden oder aufgeben. An dem Tag an dem ich Schach aufgegeben habe kam ich mit einer anderen Idee: Wenn ich nichts dazulerne, wenn ich den Sieg nicht genießen kann oder die Hindernisse – dann habe ich schon verloren.

Wenn Du nicht entscheidest, entscheiden andere über Dich.

Die Entscheidung war verwirrend, angsteinflößend und befreiend zugleich. Wieso fühlte ich mich so frei, nachdem ich meine erste große Liebe aufgab? Wieso fühlte es sich so gut an? Aus dem gleichen Grund, wieso es sich einmal gut anfühlte damit anzufangen – Die freie Entscheidung. Und mit dieser Entscheidung änderte sich auch meine Sicht auf die Welt.

Anmerkung von mir: Es ist besser eine falsche Entscheidung zu treffen, als sich eine Entscheidung „vorkauen“ zu lassen – Für das Gefühl der Freiheit.

In der Zwischenzeit hat Tetris die Lücke aufgefüllt. Ein Spiel, bei dem ich nicht gewinnen kann, das kein Ende kennt und das mit der Zeit immer schneller wird – Wie lange würde ich es an diesem Tag spielen? Wie viele Punkte würde ich erreichen? Aber ich habe für mich einen Weg gefunden in Tetris zu gewinnen – Indem ich jeden Tag spiele.

Anmerkung von mir: Jeder von uns hat die Möglichkeit jeden Tag ein bisschen mehr Tetris zu spielen. Selbstgesteckte Ziele sind dabei nur der Anfang. Am Ende ist es wie bei Olympia: Dabei sein ist alles. Zu verstehen, dass es keinen „Sieg“ am Ende gibt – außer dem Erreichen der Ziele, die wir uns stecken.

Diesen Artikel habe ich von Medium.com und stammt von Tor Bair. Er hat mir so gut gefallen, dass ich ihn gerne auf Deutsch noch einmal zur Verfügung stellen möchte.

2 Kommentare zu “Der größte Fehler: Du spielst Schach und nicht Tetris

  1. Ja, das ist schon interessant. Ich habe auch sehr lange Schach gespielt. Und auch Tetris, noch mit der Nintendo Konsole, bis meine Augen geschmerzt haben.
    Das mit der Geschwindigkeit, hat schon mal was. Ich beobachte das leben und ich merke, dass die Ereignisse immer schneller passieren, das stimmt.
    Und ich finde auch dass, das leben so ist, dass es kein Anfang und kein Ende gibt.
    Es geht immer weiter, wie bei Tetris, und auch immer wieder schneller.
    Da ist echt was dran.

Kommentare sind deaktiviert.